Eine Nacht in Ulm, um Ulm und um Ulm herum

oder: ein Drama mit einem unerwarteten Happy End

von Markus Weckler

Eine Nacht in Ulm, um Ulm und um Ulm herum für 70 Euro (ermäßigt 50 Euro), Vollpension, inklusive Stadt- und Umlandbesichtigung, Schwimmbadbenutzung, Massage und Feuerwerksevent. Ein super günstiges Angebot! Fragt sich nur: Wo ist der Haken? Der Haken ist, dass die Verpflegung an verschiedenen Ständen in einem Umkreis von ca. 20 km verstreut angeboten wird, die zu Fuß erlaufen werden müssen - über eine Strecke von genau 100 Kilometern.

Eigentlich wollte ich ja wie im letzten Jahr die 100km von Biel Mitte Juni in Angriff nehmen. Doch nachdem mit einer Wahrscheinlichkeit von 90% ergiebiger Dauerregen angesagt war, erlitt ich einen Warmduscheranfall und machte einen Rückzieher. Denn es gab ja noch die Option, die 100km bei der Laufnacht in Ulm zu absolvieren.

So fand ich mich am 1. Juli gegen 20:00 Uhr in der Lix-Halle in Blaustein bei Ulm ein, um für den 100km - Lauf nachzumelden. Noch drei Stunden waren dann Zeit zur innerlichen Vorbereitung auf den Lauf. Den ersten Teil der Verpflegung in Form einer Schüssel Spätzle gab es schon vor Ort.

Ich hatte noch eine schwere Entscheidung zu treffen: Soll ich meine eingelaufenen, zehenfreien Bär-Ultralaufschuhe anziehen, oder meine erst drei Tage zuvor eingetroffenen Adidas-Trail-Schuhe, mit denen ich allerdings erst 23 Kilometer gelaufen war. Ich entschied mich für die letzteren. Eigentlich eine große Dummheit bei so einer langen Strecke - sicherheitshalber schleppte ich das zweite Paar Laufschuhe im Rucksack mit. Doch die Sache ging gut. Die Geländetauglichkeit der Schuhe erwies sich als großer Vorteil, denn weite Strecken des Ulmer 100km-Ultralaufs kann man durchaus in die Kategorie „Trail“ einordnen. Zwei Blasen an den Zehen waren da das geringere Übel.

Um 22:45 Uhr begab sich der Läufertross zum Blausteiner Stadion. Dort waren vier Heißluftballons in Aktion, die Brenner wurden zur Musik als Lichtorgel betätigt. Auf diese Idee muss man erst mal kommen - irre!

Anhand der Startnummer suchte und fand ich Guido Hetzenegger, dem ich hier zum ersten mal begegnete. Im letzten Jahr war er hier in Ulm die MRRC-interne Jahresbestzeit über die 100 Kilometer gelaufen.

Kurz nach 23:00 Uhr dann der Startschuss. Als die Läufer über die Tartranbahn liefen und das Stadion verließen, wurde entlang der Bahn ein Feuerwerk gezündet - absolut phantastisch. Das war einer dieser Momente im Leben, bei denen man weiß: Genau hier bei diesem Lauf bin ich richtig, nirgendwo anders will ich jetzt sein!

Nach diesem bombastischen Start wurde es dann recht schnell ruhig. Ja, jetzt bin ich tatsächlich wieder zu einem 100km-Lauf gestartet. Was tue ich mir da an? Will ich das wirklich? Nicht nachdenken, einfach weiterlaufen ... Wie eine Glühwürmchenkolonne schlängelte sich die stirnlampenbestückte Läuferschaft durch die nächtliche Landschaft.

Die Strecke war dort, wo sie größere Straßen querte, recht gut abgesichert. Einige Läufer fragten die freundlichen Polizisten, ob sie denn keine Abkürzung wüssten. "Für uns scho, aber für Eich ned." Gern befolgte man die strengen Anweisungen der Beamten: "Aber innerorts bitte ned schneller als fuffzich Ka-em-ha!". Man konnte ja außerorts wieder Gas geben …

Ab km 25 unterhielt ich mich mit Jürgen Baumann aus Heilbronn. Er ist Deutscher Meister im 24-Stundenlauf in seiner Altersklasse. 24-Stundenläufe sind ihm lieber als 100km-Läufe, denn da müsse man nicht so hetzen. Irgendwann bei km 29 ließ ich ihn laufen, sein Tempo war mir dann doch etwas zu heftig.

Ja, an dieser Stelle will ich es nochmals allen ungläubigen (noch nicht Ultra-) Marathonlaufenden bezeugen: Es gibt ein Leben nach 42,2 Kilometern! Ich habe es selbst erfahren und erlaufen. Und dieses Leben kann sehr lange andauern. Ziemlich lange! Bei mir in dieser Nacht über 6 Stunden.

Die Verpflegungsstände waren teils an sehr interessanten Orten aufgebaut: Im Hof des Klosters Wiblingen bei km 40, im Donaustadion in Ulm bei km 50, im Burggraben der Wilhelmsburg bei km 80.

Etwas enttäuscht war ich von der nächtlichen Durchquerung Ulms an der Donau entlang. Fast hätte ich das Münster übersehen - ich hätte gedacht, dass dieses Wahrzeichen Ulms in der Nacht angestrahlt wird. Dafür hatte ich später bei km 75 bei Jungingen einen phantastischen Blick auf dieses Gebäude. Als ich dort die Strecke passierte war es ja schon lange hell. Man sah von der Stadt Ulm nur das Münster - als hätte man eine riesige Kirche mitten in den Wald gebaut.

Die zweiten 50 km sind ziemlich anspruchsvoll und recht hügelig, aber auch sehr abwechslungsreich. Man läuft an Feldern vorbei, dann durch ein Militärgebiet und schließlich durch ein Waldgebiet. Etwa alle sieben Kilometer gab es Verpflegungs- und Wasserstände, die von netten Helfern betreut wurden. Ab km 80 war ich eigentlich ganz alleine unterwegs. Das störte mich nicht, ich fand das schön. Ab und an wurde ich von Staffelläuferinnen und Staffelläufern überholt, die mir als Einzelläufer anerkennend Mut zusprachen. Selbst bei km 98 lief man noch mitten in der Pampa, konnte sich kaum vorstellen, dass nun gleich das Ziel kommen soll.

Nun zum sportlichen Aspekt meines Laufs, der sich kurz mit den folgenden Worten beschreiben lässt: Ein Drama mit einem unerwarteten Happy End.

Es gibt so gewisse Schallmauern, die man als ambitionierter Läufer gerne mal durchbrechen will. Bei den 10 km sind es die 40 Minuten, beim Halbmarathon die 1:30, beim Marathon die 3 Stunden. Beim 100km-Lauf ist das die 10-Stundenmarke. Davon war ich bei meinem ersten Hunderter letztes Jahr in Biel mit 11:37:38 meilenweit entfernt (um genau zu sein: 8,7 Meilen).

Dank meiner alle 10 Kilometer eingenommenen Powergels traute ich mich, die ersten 50 km recht flott anzugehen. Ein Schnitt von 5:40 Minuten je Kilometer lies mich davon träumen, vielleicht an die Möglichkeit zu denken, eventuell doch irgendwie unter den 10 Stunden bleiben zu können. Aber immer in dem Bewusstsein, dass dies realistisch gesehen eine gigantische Utopie war. Denn der hügeligere Teil der Strecke stand ja noch bevor, und naturgemäß wird man ja sowieso langsamer.

Dann kam der Tiefschlag. Nach der Einnahme meines fünften Powergels bei km 50 bekam ich einen Würgereiz. War das nun das Ende - sollte ich nun besser in den Shuttlebus steigen und nach Blaustein zurückfahren? Nach einer kurzen Pause konnte ich doch weiterlaufen. Bei km 62,5 riskierte ich ein letztes Mal ein Gel einzunehmen. Diesmal rebellierte mein Magen aber endgültig, der komplette Tubeninhalt ging mir wieder zurück durch den Kopf und landete auf einem Gehsteig in Oberelchingen - begleitet von dem Gedanken: Das wär‘s nun gewesen mit dem schönen Traum vom schnellen Lauf.

Doch erstaunlicherweise konnte ich auch ohne künstliche Nahrungsergänzung mein Tempo einigermaßen halten. Trotz der vielen Steigungen wurde ich nicht wesentlich langsamer. Aber alle Hochrechnungen, die ich pausenlos anstellte, führten zum selben frustrierenden Ergebnis: Selbst wenn es optimal läuft, werde ich wenige Minuten über den 10 Stunden im Ziel ankommen.

Bei diesem Lauf lernte ich auch viel über meinen eigenen Charakter. Je länger ich lief, umso deutlicher wurde, dass meine Traumzeit prinzipiell doch noch erreichbar war – vorausgesetzt, ich hätte mich nochmals durchgebissen, nochmals gekämpft, Tempo gemacht. Ein großes Ziel war zum Greifen nahe. Würde ich so eine Chance im Leben noch einmal bekommen? Ich hätte mich nur noch einmal reinhängen müssen. Doch dazu war ich nicht bereit. Ich bin kein Kämpfer. Meine Beine waren zu schwer. Nochmals Pace zu machen war zu anstrengend. Dazu demotivierten mich immer neue Anstiege. Ja, so ist das halt beim Sport: es gibt Tage, da verliert man, und es gibt Tage, da gewinnen die anderen. Ich habe versagt.

In der Gewissheit, die 10 Stunden um ca. 2 Minuten verfehlt zu haben, lief ich kurz nach 9:00 Uhr morgens ins Blausteiner Stadion ein. Dennoch strahlte ich vor Glück und Dankbarkeit, denn einen Hunderter zu finishen ist doch etwas ganz Besonderes, zumal ich einen klasse Lauf hingelegt hatte.

Als ich dann in die Zielgerade einbog, geschah das große Zeitverschiebungswunder. Man rief mir zu: „Noch 40 Sekunden - das schaffst Du!“ Wie bitte? Ich fasste es nicht: die Zeitanzeige stand tatsächlich noch auf 9:59:20. Etwa 80 Meter in 40 Sekunden - das schaffte selbst ich nach 99,92 km. Überglücklich lief ich nach 9:59:35 über die Ziellinie – Wahnsinn, welch ein Triumph!

Was war geschehen? Ich hatte nicht wahrgenommen, dass der Lauf doch mehrere Minuten nach 23:00 Uhr gestartet wurde. Und ich hatte nur meine Armbanduhr im Blick, nicht die Nettolaufzeit auf meinem Garmin.

So konnte ich mit einer für mich phantastischen Zeit den 20. Platz belegen. Erstaunlicherweise kam Jürgen erst eine knappe halbe Stunde nach mir ins Ziel. Guido konnte seine Zeit vom letzten Jahr mit 10:43:03 um vier Minuten verbessern. Den absoluten Hammer lieferte aber Carmen Hamm, in der Ultralaufszene auch als "die laufende Socke" bekannt. Sie finishte in 11:22:05 - und das, nachdem sie vor zwei Wochen schon in Biel gelaufen war. Das ist doch verrückt! Respekt!

Zum Schluss noch meine obligatorischen Danksagungen:

- Dank an die Organisatoren und alle Mitarbeiter der Ulmer Laufnacht - das war eine gigantische Veranstaltung!

- Dank an Mario Wenzel, den Leiter des INJOY-Fitnessstudios in der Heidemannstrasse in München, für die ausdrückliche Erlaubnis, den gesamten Winter hindurch die Laufbänder im Übermaß verschleißen zu dürfen.

- Dank an Jonas Bernhart, einen Mitarbeiter im INJOY, der mir unentwegt, aber genauso vergeblich und entgegen allen medizinischen Körpergewichtstheorien und körperfettanzeigenden Messungen zu versichern versucht, dass ich nicht fettleibig sei.

- Dank an alle Laufkolleginnen und Laufkollegen vom MRRC für die vielen gemeinsamen Trainingskilometer. Insbesondere auch an Volker Drollinger, Ralf Kittel und die Mitlaufenden beim Chiemsee-Ultra im März 2011.

- Dank an den allmächtigen Gott, der uns nicht nur ein Leben nach 42,2 km ermöglicht, sondern ewiges Leben schenken will.